Interview

„Manchmal öffnen Menschen die Fenster zu ihrer Seele“

Indi Herbst, Porträtfotografin aus Starnberg

Universum, wir leben!, der Titel der Ausstellung von Indi Herbst stand lange, bevor Corona kam und ihm weitere Aktualität verlieh. Schicksalsschläge im engen Freundeskreis veranlassten die Porträtfotografin, Menschen im Bild festzuhalten, die Verlust und Wandel erfahren haben. So entstanden 50 besondere Porträts, die uns, frei nach Antoine de Saint-Exupéry *, mit dem Herzen sehen und spüren lassen, wie individuell und tief essentielle Erfahrungen uns prägen. Eine Hommage an Menschlichkeit und Leben.

Beginnen wir ganz profan: Die Ausstellung steht, die Vernissage war geplant, dann veränderte Corona das gesamte Kunstgeschehen - was geschieht nun mit Bildern, die gesehen werden wollen?

Indi Herbst: Momentan üben die Bilder sich - wie wir alle - in Geduld. Sie warten auf ihren besonderen Moment, gesehen und gefühlt zu werden. Keiner der Porträtierten hat sein Bild bisher gesehen. Denn auch für sie soll es eine besondere Begegnung sein. Das braucht einen entsprechenden Rahmen, der emotionalen Raum lässt. Aber ich bin optimistisch, dass sich ein geeigneter Ort finden lässt, um coronagerecht eine Ausstellung zu realisieren.

Sie nennen die Ausstellung ein „Herzensprojekt“ - wie ist das genau zu verstehen?

Indi Herbst: Entstanden ist dieses Projekt durch drei Todesfälle, die ich in unserem Freundeskreis erfahren habe. Es war, ich kann es nicht anders sagen, als würde mir das Herz zerbrechen. Wenn jemand stirbt, hinterlässt das eine Lücke und Schmerz bei ihren Familien und allen, die sie lieben. Die aber leben weiter und bei aller Trauer verdienen sie es, auch die Schönheit und Freude ihres Daseins wahrzunehmen und zu empfinden. Tiefer Herzschmerz und volle Lebensfreude können sehr eng beieinander sein. Das Bewusstsein für den Wert unserer begrenzten Lebenszeit und den Wert von Liebe und Freundschaft wird in diesen besondren Porträts spürbar - darum, und weil es in keiner Weise ein kommerzielles Projekt ist, sondern bestenfalls hilft, Spenden für die Krebsforschung Bayern zu generieren, nenne ich es Herzensprojekt. Es hat das Anliegen, von Menschen zu erzählen.

Hat die Festlegung auf exakt 50 Porträts eine spezifische Bedeutung?

Indi Herbst: Ja, das hat sie tatsächlich. Die 50 ist wie eine Boje in der Mitte des Lebens. Man hat bereits einiges hinter sich – glatte und raue See, ein paar Stürme, oder anders gesagt: die Persönlichkeit hat sich gefestigt, die Kinder sind so gut wie erwachsen, aber man hat, wenn alles gut läuft auch noch ein schönes Stück Lebensstrecke vor sich. Zwei der Freunde, die ich durch Todesfälle verloren habe, durften das nicht erleben. Daher ist die 50 in mehrerlei Hinsicht eine Marke, eine Größe, die dem Porträt-Projekt einen Rahmen gegeben hat.

Allen Porträts ist eins gemeinsam: sie sind mehr als ein Abbild, zeigen mehr als ein Gesicht; nämlich etwas, das im Grunde unsichtbar ist. Wie gelingt es, mit einer Kamera nicht Sichtbares einzufangen?

Indi Herbst: Einfangen ist eigentlich nicht das richtige Wort. Wir jagen ja nichts. Es ist eher so, dass wir gemeinsam etwas finden und entdecken. Manchmal bleibt die Kamera auch erst einmal liegen. Zeit, Raum und Muße sind wichtig, damit sich bei einer Fotosession aus dem Gespräch Momente entwickeln, die das Wesen einer Persönlichkeit zeigen. Dazu gehört viel Vertrauen und ich empfinde es als großes Geschenk, wenn Menschen mich teilhaben lassen an ihren persönlichen Lebensgeschichten. Wenn sie mutig sind und offen, lachen oder weinen. Dann gelingt es auch, diese Sekunden in einem Foto festzuhalten. Dürrenmatt sagte - eines meiner Lieblingszitate - „Das Wesen des Menschen bei der Aufnahme sichtbar zu machen, ist die höchste Kunst der Fotografie“.

Die Bilder, selbst wenn sie von Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit erzählen, haben alle viel Kraft. Wieviel dieser Wirkung geht auf die Persönlichkeit des Porträtierten, wieviel auf die Kunst der Fotografin zurück?

Indi Herbst: Auch hier fällt mir ein Zitat ein - diesmal von Artur Schnitzler: „Bereit sein ist viel, warten können ist mehr, doch erst den rechten Augenblick nützen ist alles“. Es gibt diese Momente, in denen Menschen die Fenster zu ihrer Seele öffnen. Wenn ich ihnen bis dort folgen und durch das Fenster fotografieren darf, dann erreichen wir diese Kraft, die im Bild sichtbar wird. Es ist nicht mehr und nicht weniger als das Echte eines Menschen, ohne all das, was er / sie sonst vielleicht noch sein oder darstellen mag.

Lassen wir der Fantasie mal freien Raum: wenn jetzt die berühmte gute Fee käme und drei Wünsche erfüllen würde, damit „Universum, wir leben!“ ausgestellt werden kann - was müsste sie herzaubern?

Indi Herbst: Drei … Mir würden zwei erfüllte Wünsche völlig ausreichen. Als erstes, dass wir alle gesund bleiben und als zweites die Möglichkeit, wie eingangs erwähnt, in nicht allzu ferner Zukunft einen Platz zu finden, um diese sehr emotionale Ausstellung zeigen zu können. Sie braucht das persönliche Erleben und würde in der Virtualität die Facetten und Geschichten, die mit den Porträtierten verbunden sind, verlieren. Man könnte sie natürlich auch im Außenbereich zeigen - auf der Seebad Wiese, einem städtischen Grundstück, vielleicht sogar in Kunst-Kooperation mit der Stadt Starnberg. Ja, ich denke, da hätte die Fee schon genug zu tun - ich würde dann statt eines dritten Wunsches lieber doppelte Kraft in den zweiten legen.


* „On ne voit bien qu'avec le coeur. L'essentiel est invisible pour les yeux.“ (Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.) aus „ Der kleine Prinz“