Interview

„Rückbesinnung ist ein Schritt nach vorn“

Oliver Lutz, Innungsmeister der Metzger im Fünfseenland

Pöcking: Hauptstr. 26 & Tutzing: Hallberger Allee 1

Die Hochzeit der Grillsaison ist vorüber, der Gaumen freut sich wieder auf andere fleischliche Spezialitäten. Ein guter Zeitpunkt, um dem Innungsmeister der Metzger im Fünfseenland ein paar Fragen zum bewussten Genuss im Hier und Jetzt zu stellen.

Mit dem Auftauchen von Corona hat sich in den letzten Monaten in allen Bereichen sehr viel und sehr schnell verändert - wie erleben Sie das bei Ihren Kunden, in Verhalten, Art und Auswahl beim Einkauf ...

Oliver Lutz: Zu Beginn der Coronakrise gab es auch bei uns sogenannte „Hamsterkäufe“. Aber unsere Kunden haben schnell gemerkt, dass wir im Handwerk eine gute Versorgungssicherheit bieten können. Viele haben, sicher auch bedingt durch den Lockdown, wieder verstärkt zuhause gekocht und gegessen. Wir haben festgestellt, dass unsere Kunden sich dem bewussten Einkaufen und dem Ausprobieren von Rezepten intensiver gewidmet haben. Und dabei ging es nicht nur um einfache, schnelle Gerichte, sondern auch um Braten- und Schmorgerichte. Da es im Familienalltag mit Homeoffice und Homeschooling aber nicht leichter geworden ist, täglich zu kochen, hat auch der Wunsch nach von uns fertig gekochten Speisen stark zugenommen. Diese Nachfrage hält immer noch an.

... und wie gehen Sie, in Angebot und Services, auf die veränderten Bedürfnisse ein?

Oliver Lutz: Wir versuchen natürlich unter Berücksichtigung aller geltenden Abstand- und Hygieneregeln, so flexibel wie möglich auf die Bedürfnisse unserer Kunden einzugehen. Während des Lockdowns haben wir einen Lieferservice installiert, der sehr gut angenommen wurde und in beiden Läden in Pöcking und Tutzing haben wir zu Ostern im Außenbereich separate Abholstationen für Bestellungen etabliert. So werden Wartezeiten verkürzt und wir kommen Kunden entgegen, die lieber keine Innenräume betreten wollten. Das werden wir jetzt für die Einkäufe zu den Festtagen auch wieder so machen. Um die erwähnte hohe Nachfrage an unseren hausgemachten Speisen zu erfüllen, achten wir außerdem darauf, dass immer rechtzeitig frisch gekocht wird und ein entsprechender Vorrat in den Läden verfügbar ist.

Corona, die Tönnies-Schlagzeilen und Rückrufaktionen werfen viele Fragezeichen auf die Art, wie wir Fleisch konsumieren. Bei Ihnen wird nach wie vor mit eigener Schlachtung und nach traditionellem Metzgerhandwerk gearbeitet - liegt in einer Rückbesinnung der wirkliche Schritt nach vorn?

Oliver Lutz: Ja, ich sehe in dieser Rückbesinnung tatsächlich einen Schritt in die richtige Richtung. Es werden von der Industrie zu viel Fleisch und Fleischprodukte produziert und der Handel damit überschwemmt, so dass sie oft billigst und deutlich unter Wert angeboten werden. Denn gute Fleischprodukte haben natürlich einen Entstehungsweg. Für eine tiergerechte Haltung brauchen Tieren wirklich ausreichend Platz, mit Auslauf und ordentlichem Untergrund im Stall. Discounter rühmen sich mitunter damit, „das Platzangebot der Schweine gegenüber den gesetzlichen Vorgaben um 10% erhöht“ zu haben. Welcher Normalverbraucher kennt die gesetzlichen Vorgaben und weiß, dass dem Tier dann ganze acht QuadratCENTIMETER mehr Platz eingeräumt werden? Das ist Augenwischerei und hat mit Tierwohl oder Fleischqualität nichts zu tun. Lieber weniger, dafür bewusster und genussvoller Fleisch essen, das ist wirklich für alle gut - Mensch und Tier. Außerdem wird so unsere heimische Landwirtschaft gestärkt und der Erhalt der Kulturlandschaft gewährleistet. Auch davon haben alle, jetzt und in Zukunft, etwas.

Mit Blick auf die winterlichen Feiertage: wenn man das Festessen im Familien- und Freundeskreis in diesem Jahr noch bewusster genießen möchte, bei welcher Fleischart gehe ich sicher, dass es sowohl in Bezug auf Qualität wie Umweltbewusstsein meine Anforderungen erfüllt?

Oliver Lutz: Wir achten bei jeder Fleischart darauf, dass die Tiere verantwortungsbewusst gehalten und gefüttert werden. Diese Voraussetzung ist enorm wichtig für eine hohe Fleischqualität. Auch zur Weihnachtszeit weichen wir nicht auf Massenware aus, sondern passen unsere Produktion an die höhere Nachfrage an und kaufen entsprechend geplant bei „unseren“ Bauern ein. Das gilt natürlich auch für unser Geflügel, das wir im Vorfeld nach unseren Erfahrungswerten bestellen. Nach dem aktuellen Bestelleingang der Kunden können wir entsprechend nachjustieren und erst dann werden die Tiere geschlachtet. Ich bestelle natürlich vorsorglich immer ein bisschen mehr. Dennoch empfehlen wir allen, die zu Heiligabend eine frische Gans von uns zubereiten wollen, dringend, vorzubestellen. Damit wir alle nach ihren Wünsche kulinarisch glücklich machen können, ist es am einfachsten, wenn Sie rechtzeitig mit dem kulinarischen Wunschzettel, den wir jedes Jahr bereithalten, ihre Bestellung bei uns abgeben.

Nochmal auf die Feiertage geblickt: die geltenden Abstandsregeln lassen jeweils nur eine begrenzte Kundenzahl im Laden zu. Wie gestalten Sie das in adventlichen Hochphasen, habe ich als Kunde komfortable Alternativen zum vor Ort-Einkauf?

Oliver Lutz: Zum Wohl und zur Sicherheit Aller achten wir grundsätzlich darauf, dass alle gesetzlichen Vorgaben - inklusive der begrenzten Kundenanzahl-Begrenzung im Laden - eingehalten werden. Wie erwähnt werden wir in Pöcking und Tutzing wieder Abholstationen im Außenbereich einrichten. Diese sind ausschließlich dafür gedacht, Bestellungen abzuholen. So können wir für alle Kunden das Abholen und Einkaufen unkompliziert voneinander trennen und idealerweise Staus vermeiden. Ein Tipp aus unserer Erfahrung: Einkaufen am 24.Dezember ist meistens entspannter als am 23. Dezember !