Interview

„Die von Frauen erkämpften Rechte wollen umgesetzt und gelebt werden.“

Soroptimisten Club Fünfseenland

Traditionsgemäß stehen Charity-Themen und soziale Projekte in der Adventszeit besonders im Fokus. Das bevorstehende Weihnachtsfest erinnert uns alle daran, dass Nächstenliebe ein unverzichtbarer Baustein im Fundament einer menschlichen Gesellschaft ist. Zur Stabilisierung dieses Fundaments engagieren sich zahlreiche regionale Hilfsorganisationen in verschiedenen Bereichen. Eine davon, der Club Soroptimist Fünfseenland, macht sich explizit für Frauen stark. „Ist das heute und in der Seeregion wirklich noch nötig?“, wollten wir von Beate Haimerl-Neubauer, von 2018 – 2021 amtierende Präsidentin und derzeit Pressesprecherin des Clubs, wissen.

Als die Soroptimisten International (SI) vor 100 Jahren gegründet wurden, sah die Situation von Frauen deutlich anders aus als heute. Mittlerweile hat die Emanzipation viel bewegt, vielerorts gibt es Quoten als Regulativ – was kann bzw. muss Ihr Club heute noch bewegen?

Beate Haimerl-Neubauer: Vor 100 Jahren ging es vor allem darum, Frauen Rechte zu geben, um in allen Lebensbereichen Gleichheit zwischen Männern und Frauen herzustellen. Diese SI-Mission hat sich im Grunde nicht verändert, auch wenn die Rahmenbedingung – zumindest in der westlichen Welt sich geändert haben. Heute herrscht vielerorts bereits Gleichheit. Oft allerdings nur in der Theorie, so dass es nun darum geht, die erkämpften Rechte von Frauen auch umzusetzen und zu leben. Als SI sind wir bestrebt, Mädchen und Frauen dort zu unterstützen, wo sie eine notwendige Wende in ihrem Leben vollziehen wollen. Darum arbeiten wir unermüdlich daran, Angebote zu schaffen, um Frauen ausreichend Bildung zu gewähren, mitzuhelfen, dass sie auf Entscheidungsebenen gelangen. Dazu sind wir natürlich auch in Entwicklungs- und Schwellenländern aktiv, in denen Frauenrechte wenig gelten und Rahmenbedingungen erst noch geschaffen werden müssen, damit Frauen ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben führen können.

Wie funktioniert denn diese internationale Kooperation und Vernetzung der SI Clubs global?

Beate Haimerl-Neubauer: Unser Fünfseenland-Club ist Teil einer sehr großen Organisation mit mehr als 72.000 Mitgliedern in 121 Ländern. Wir vernetzen uns mit internationalen Clubs, um deren Projekte zu unterstützen oder zu begleiten, wie z.B. in Thailand, wo es um die Unterstützung eines Heimes für HIV infizierte Mädchen ging. Oder wie in Indien, wo wir die Schaffung sanitärer Anlagen für Mädchen einer Schule in Mumbai unterstützen. Projekte, die klein klingen, für den Lebensweg der jungen Frauen aber essenziell sind. In den 27 Jahren unseres Bestehens haben wir jährlich 1-2 frauen- oder mädchenrelevante Projekte unterstützt, darunter auch immer ein internationales Thema. Aktuell hat unsere amtierende Präsidentin Doris Vogel von Falckenstein die Vergabe von Stipendien an junge ausländische Musikerinnen initiiert, um ihnen die Teilnahme an den Starnberger Musiktagen zu ermöglichen. Seit 2019 unterstützen wir außerdem die private Organisation „Frauen helfen Frauen”, die Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, eine unbürokratische Anlaufstelle bietet.

Viele soziale Clubs und Organisationen beklagen, dass ihnen der Zulauf von „Nachwuchs“ fehlt – ist soziales Engagement aus der Mode gekommen?

Beate Haimerl-Neubauer: Nein, ganz und gar nicht, es hat sich nur verändert. Waren es vor 100 Jahren die Frauen aus der gehobenen Schicht, die sich um Frauen aus bildungsfernen und/oder ärmeren Kreisen kümmerten, engagieren sich heute aktive Frauen, die mitten im Berufsleben stehen. Es geht ihnen deutlich mehr um die Sache als um den Status zu einem bestimmten Club zu gehören. Wenn Inhalte und Projekte stimmig sind, sind Frauen überzeugt mit an Bord und bringen sich hoch professionell ein. Weil sie beruflich oft in verantwortlicher Position stehen, sind ihre Kapazitäten für ein traditionelles Clubleben aber begrenzt. Sie sind projektorientierter.

Hat sich das Clubleben - Aktivitäten, Projekte, Miteinander und Clubziele – durch die Corona Pandemie verändert?

Beate Haimerl-Neubauer: Wie alle, haben wir auch das Clubleben online weitergeführt. Wir hatten Referentinnen, die uns in der bizarren Zeit des Lockdowns bereichert haben und selbst Treffen mit unseren Friendship-Clubs aus Llandudno/Wales und Wien konnten online umgesetzt werden. Unser bereits erwähntes Projekt „Frauen helfen Frauen” war in dieser Zeit mehr als „passgenau”. Der Anstieg der gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt von 6% gegenüber 2019 gibt doch sehr zu denken. Was Weiterentwicklung, Austausch und Diskurs betrifft, haben wir aber auch grenzen gespürt. Echte menschliche Begegnung ist virtuell nicht ersetzbar. Um so größer war die Freude, als wir uns im Mai bei der Übernahme der Patenschaften für 4 Eichen auf Europas ältester Eichenallee (bei Seefeld) wieder persönlich treffen konnten.

Wie ist das mit dem Networking bei Ihnen – tauschen Sie sich mit anderen sozialen Gruppen, Clubs, Organisationen aus und agieren projektweise auch gemeinsam?

Beate Haimerl-Neubauer: Wir haben auf Bezirksebene regelmäßige Treffen. Für die verschiedenen Clubfunktionen werden Programme und Veranstaltungen seitens der Dachorganisation angeboten und besucht. Als NGO und konsultative Organisation bei der UN zugelassen, partizipieren wir von unserer internationalen und europäischen Organisation. Pandemie bedingt war der Austausch mit den umliegenden Clubs eher verhalten, ebenso mit den ausländischen Clubs. Aber ja, prinzipiell gehören Networking und Kooperation natürlich zu unserem Verständnis und wir werden beides auch sicher wieder aktivieren.

Sie selbst sind seit 10 Jahren Clubmitglied, inklusive doppelter Amtszeit als Präsidentin, auf welche Clubleistungen sind Sie stolz?

Beate Haimerl-Neubauer: Ich habe mich gefreut, dass wir die Digitalisierung geschafft haben, die dem Club eine neue Qualität in der Kommunikation, schnellem Austausch und Präsenzmöglichkeiten gibt. Wir haben vier neue Clubschwestern aufgenommen, smarte engagierte Frauen. Wir haben es trotz Pandemie geschafft, Spenden zu sammeln und Frauen auf verschiedene Weisen zu fördern. In meiner Präsidiumszeit habe ich uns als starke Einheit empfunden und ein Teil dieser im besten Sinne geballten Frauenkraft zu sein, gibt mir Bodenhaftung und, ja, macht mich auch etwas stolz.

Ein Blick über Zeit und Tellerrand hinaus: Was hat sich Ihr Club für 2022 auf die Fahne geschrieben?

Beate Haimerl-Neubauer: Gerade aktuell zu den „Orange Days” hat unsere amtierende Präsidentin, das Thema „häusliche Gewalt” erneut in den Fokus gerückt. Einige Aktionen starten bereits in dieser Woche. Die Förderung von Künstlerinnen ist ihr und uns ein großes Anliegen, da diese in der Pandemie einem besonderen wirtschaftlichen Druck ausgesetzt sind.


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